Aschermittwoch
17. Februar 20101919 begründete eine Kundgebung des "Bayerischen Bauernbunds" die schöne Tradition des "Politischen Aschermittwochs" - der deftigen Stammtischrede vor großem Publikum. Und zwar im Städtchen Vilshofen an der Donau. Von dort aus, genauer gesagt aus dem "Wolferstetterkeller", rechnete dann seit 1953 auch die CSU unter der Führung von Franz-Josef Strauß alljährlich mit dem politischen Gegner ab.
Franz-Josef Strauß über den "Geist von Vilshofen"
Auch wenn man außerhalb Bayerns gern die Nase rümpfte über das bajuwarische Brauchtum und den "Geist von Vilshofen": "So etwas hinterwäldlerisch, altertümlich, etwas Bierdunst und der Qualm von Virginias, selbstverständlich eine etwas, sagen wir mal, zurückgebliebene Bevölkerung, die einem primitiven Redner ihren Tribut spendet, was soll sie auch sonst tun: so erschien doch jahrelang das Wort Vilshofen. Das hat uns aber nicht abgeschreckt, möchte ich gleich sagen." Der Altmeister des politischen Aschermittwochs Franz-Josef Strauß war da ganz souverän, und die anderen Parteien verloren dann auch irgendwann ihre Scheu. Die SPD übernahm sogar den "Wolferstetterkeller" samt Geist von Vilshofen, als den Christsozialen der Raum schlichtweg zu klein geworden war.
Die Bundesrepublik ist ein Saustall
Die CSU ging 1975 nach Passau, und an neuer Stätte, in der Nibelungenhalle, würdigte Strauß die Leistung der sozialliberalen Koalition unter Helmut Schmidt gleich einmal als "das eklatante Versagen derer, die ausgezogen waren, Deutschland zu reformieren und einen Saustall angerichtet haben." So etwas sorgte seinerzeit noch richtig für Aufregung. Bei aller scheinbaren Stammtisch-Spontaneität: wohl kalkuliert waren solche Derbheiten selbstverständlich immer.
Champagner und Salbeitee
Franz Josef Strauß, so geht die Legende, soll ja übrigens aus seinem Maßkrug kein Bier, sondern Champagner getrunken haben. Und sein ungleich blasserer politischer Enkel Edmund Stoiber Salbeitee. Auch Rednern mit geringerem Talent zum Volkstribun gelingen zuweilen nette Sequenzen. Wie Rudolf Scharping, immerhin einmal SPD-Kanzlerkandidat: "Man kann eher einem Hund einen Wursthaufen anvertrauen, als Theo Waigl weiter die öffentliche Kasse lassen."
Aber seit jeher kommen beim Aschermittwoch die Politiker besser zur Geltung, denen man den Spaß an rustikalerer Ausdrucksweise und freier Rede auch abnimmt. So einst Ex-Grünen-Chef Joschka Fischer über die Finanzierungsunregelmäßigkeiten der Christdemokraten: "Fast könnte man meinen, dass hier die CDU jetzt in der Spendenaffäre Fasching und Oktoberfest in eins gegossen hat, nach der Devise: Ozapft is!"
Und wer den starken Sprüchen und den mehr oder weniger gelungenen Scherzen der Politiker trotz allem so gar nichts abgewinnen kann, dem bleibt ein Trost: Am Tag nach Aschermittwoch ist alles vorbei.
Autor: Michael Gessat
Redaktion: Michael Borgers